Franziska und Felix

Franziska und Felix

„Alle werden Opa, nur ich nicht!“ So oder so ähnlich hörten es die Söhne des Öfteren von Felix, ohne dass es ihre Familienplanung allerdings auch nur im Geringsten beeinflusst hätte. Aber dann, an seinem siebzigsten Geburtstag, durfte Felix mit zwei schwangeren Schwiegertöchtern tanzen, und in rascher Folge bescherten ihm seine drei Söhne sechs Enkelkinder.

Als späte und begeisterte Großeltern tourten Felix und seine Franziska nun regelmäßig durch die Republik, schließlich wollten sie die auf drei Bundesländer verteilte Enkelkinderschar aufwachsen sehen. Die telefonische Kommunikation zwischen diesen Besuchen übernahm Franziska. Felix, obwohl im täglichen Leben durchaus redegewandt, hatte es nicht so mit dem Telefonieren. „Telefooon“ schallte es durch die Wohnung, wenn Felix in seinem Sessel saß und das zufällig neben ihm auf dem Tisch liegende Telefon klingelte. Und Franziska eilte aus der Küche herbei. Oder aus dem Bad oder vom Balkon.

»Tränen der Freude und der Rührung waren es, hatten doch
alle Enkel ihm zu Ehren Lieder und Musikstücke eingeübt.«

Als das Smartphone in der Welt und auch in Felix‘ und Franziskas Leben Einzug hielt, verstärkte sich Felix‘ Abneigung gegen diese Form der Kommunikation noch. „Die kleinen Tasten sind eine Zumutung, da tippe ich sowieso daneben. Und ein Gespräch annehmen? Wie denn? Wischen???“ Franziska kannte ihren Felix lange genug, um zu wissen, dass hier jede Diskussion ins Nichts führen würde. Sie war bemüht, das Telefon immer bei sich zu haben, und als es beim Putzen ins Klo fiel, erfuhr Felix nichts davon. Neben einer dringend erforderlichen Jacke für den nahenden Frühling brachte Franziska auch ein neues Smartphone von ihrem wöchentlichen Stadtbummel mit.

Aber dann, noch bevor der Frühling richtig Einzug halten und Franziska ihre Jacke ausführen konnte, überflutete ein Virus unsere Welt und bereitete allen Stadtbummeln und sonstigen außerhäuslichen Aktivitäten ein jähes Ende. Wir bleiben zu Hause war das Gebot der Stunde. Keine Ausflüge, keine Reisen, keine Enkelkinder! Felix und Franziska bedauerten zutiefst, ihre kleine Rasselbande auf wer weiß wie lange Zeit nicht mehr in die Arme schließen zu können. Für Franziska erwies sich das Smartphone nun als echter Glücksfall. Fotos und kleine Videos kamen von den Enkeln, und immer öfter bequemte sich auch Felix hinzuschauen, ab und zu mit einem Lächeln auf den Lippen, wenn er meinte, dass Franziska es nicht bemerkte.

„Unserem ältesten Enkel ist langweilig“, Franziska schlenderte mit dem Smartphone in der Hand ins Wohnzimmer, „weißt du einen Witz für ihn?“ „Hmm…“ Felix überlegte. „Zwei Streichhölzer wollen in die Stadt und wandern eine Landstraße entlang. Auf einmal werden sie von einem Igel überholt. Sagt das eine Streichholz zum andern: Wenn wir gewusst hätten, dass hier ein Bus fährt, wären wir nicht zu Fuß gegangen.“ Ganz unauffällig hatte Franziska ihren Felix beim Erzählen gefilmt, und als sie ihm wenig später das Telefon in die Hand drückte, schallte ihm das Gelächter seines Enkels entgegen. „Wie hast du das gemacht?“ wollte Felix, nun doch neugierig geworden, von Franziska wissen.

Geduldig erklärte sie ihm die Funktionen von Whatsapp. „Wir könnten mit den Kindern ein Würfelspiel machen,“ überlegte Franziska. „Wie wäre es mit Kniffeln? Das verabreden wir jetzt.“ Wenig später saßen Felix und Franziska mit Kniffelblock und Würfeln am Wohnzimmertisch, vor sich das Smartphone, auf dessen Bildschirm ihnen die rheinländischen Enkel mit ihren Würfeln in der Hand entgegen schauten. Felix freute sich riesig über jeden gelungenen Wurf, während Franziska ab und zu die Würfel geschickt aus dem Blickfeld des Smartphones manövrierte, um den Enkeln nicht die Chance auf den Gewinn zu nehmen. Schließlich sollten die demnächst gerne wieder einmal mit Oma und Opa spielen!

Ostern nahte und damit Felix‘ achtzigster Geburtstag. Ein großes Familientreffen war geplant gewesen, alle Söhne, Schwiegertöchter und Enkel hatten nach Bordesholm kommen wollen. Nichts davon ließ sich in Corona-Zeiten verwirklichen. Statt dessen saß Felix in seinem bequemen Sessel, mit dem Smartphone in der Hand und Tränen in den Augen. Tränen der Freude und der Rührung waren es, hatten doch alle Enkel ihm zu Ehren Lieder und Musikstücke eingeübt. Zum Geburtstag viel Glück… schallte es ihm im Chor entgegen. Alle Vögel sind schon da spielte der eine auf der Flöte, während der andere Oh du mein Holstenland auf der Klarinette intonierte. Sogar der Jüngste versuchte sich mit Summ summ summ, Bienchen summ herum auf seiner Kindertrompete. „Was für ein schöner Geburtstag!“ meinte Felix schließlich zu seiner Franziska. „Und das trotz Corona und dank Smartphone!“

Vera Ratay, Bordesholm