“Keep us in prayers”

“Keep us in prayers”

Auf meiner letzten Tropenmedizinreise 2018 habe ich viel mit unserem ugandischen Fahrer gesprochen, Edgar, der unsere Gruppe zwei Wochen durch sein schönes Land fuhr. Ich mochte ihn, ein sanfter, freundlicher, gottesfürchtiger Mann. Während die deutsche Doktorgruppe über langweilige deutsche Hausarztpolitik gesprochen hat, habe ich von ihm etwas über Uganda erfahren: Er ist mit mir zu den “ugly marabus” gelaufen, um sie ganz nah zu fotografieren; hat mir Pflanzen und Früchte gezeigt; mir erklärt, dass Krokodile nach Schatten schnappen und ich meine Beine lieber nicht über dem Wasser am Fluss hängen lassen soll; er hat mir viele Dinge des täglichen afrikanischen Lebens erzählt. Wir haben uns später immer wieder mal bei Whats App geschrieben. Ich habe ihm Fotos aus Schleswig-Holstein geschickt, er von Safaris und Landschaften an der Grenze zum Kongo. So weit auseinander wie nur eben denkbar.

Ich kam in meiner freien Woche nach Ostern bei den geringen Infektionszahlen in Afrika auf den Gedanken, ihn zu fragen, wie es ihnen dort geht, seiner Familie und ihm. Ich dachte mir nicht so viel dabei, wunderte mich aber, dass er dreimal schrieb. “Keep us in prayers.” (Bete für uns.) Und: “We have life but the problem is with food.” (Wir leben, aber das Problem ist die Nahrung.) Ich hatte mich mit nichts auseinandergesetzt und fragte genauer nach. Und weil er bescheiden ist, rückte er erst spät heraus mit dem, was eigentlich ist: Seit Wochen herrscht ein Lockdown, das Ausgangsverbot wird brutal durch Polizei und Security durchgesetzt, wer keine Maske für notwendigste Einkäufe trägt, wird geschlagen oder erschossen, er hat seine Arbeit verloren, besitzt keine Ersparnisse, von Kurzarbeitergeld kann keine Rede sein, einen Job zu finden unmöglich, die Familie hatte seit Wochen kein Essen mehr, weil er nichts verdienen konnte.

»Ostafrika mit seiner Schönheit, die Wiege der Menschheit, der Ort,
von dem wir alle stammen, hat uns soviel „Entwicklungshilfe“ gegeben
auf unseren Reisen. Jetzt können wir etwas zurückgeben.«

Ich schickte ihm Geld, über „mobile money“ auf sein Smartphone, eine geniale Methode. Am Ende schrieb er: “I was actually wondering how we will survive the coming days without work, locked at home. It is three weeks, nobody brought us food.” („Ich habe mich tatsächlich gefragt, wie wir die kommenden Tage überleben sollen, ohne Arbeit, zuhause festgesetzt. Seit 3 Wochen bringt uns niemand Essen.“)

Mich hat das so schockiert, es wirkt noch immer. Ich habe daraufhin regelmäßig im „Eastafrican“ gelesen, eine Wochenzeitung der ostafrikanischen Staaten, und weiß jetzt mehr über dieses biblisch schöne Land mit seinen grausamen Gesetzen. Da kommt sofort der Hunger, nicht etwa Corona, sondern erst das Verhungern. Und die größte Heuschreckenplage seit Jahrzehnten bricht über die Grenze von Kenia herein. Sie haben wegen der eingeschränkten Transporte über die Landesgrenzen nicht genügend Insektizide, die sie nachts mit den Flugzeugen versprühen könnten. Und die Fluten des Viktoriasees, der den höchsten Wasserstand seit langem hat, setzen die dichtbewohnten Ufer unter Wasser. Der ganze Safaritourismus, die ganze Wirtschaft sind auf Null. Die Not ist groß. Die Kinder weinen sich in den Schlaf vor Hunger. Die apokalyptischen Reiter sind unterwegs.

Eine Freundin, der ich das erzählte, und ich, wir schicken Edgar und seiner Familie, das sind mindestens acht Leute, jetzt monatlich 200 Euro. Das entspricht etwa einem Monatsgehalt in der Hauptstadt. Damit kommen sie einigermaßen klar, wenn es nicht Probleme gibt, die man mit Geld nicht mehr lösen kann. Das werden wir solange tun, bis Edgar wieder gute Arbeit hat. Bis die Krise überwunden ist. Wir sind dankbar, dass wir so direkt etwas tun können. Ostafrika mit seiner Schönheit, die Wiege der Menschheit, der Ort, von dem wir alle stammen, hat uns soviel „Entwicklungshilfe“ gegeben auf unseren Reisen. Jetzt können wir etwas zurückgeben.

Und Edgar ist froh, dass sie weiterleben können: “Thank you for being there for us. May the God Lord protect you, guide you and strengthen you.” (Danke, dass Ihr für uns da seid. Möge Gott, der Herr, Euch schützen, leiten und stärken.) Er betet für uns. Wir haben es auch nötig.

Claudia Schmid, Winnemark